Was als Kraft im Bild steckt
Benjamin Kolass führte ein Gespräch mit Gioia Falk

In Vorbereitung auf das Festival «Die Kunst der Eurythmie und die schöpferische Kraft der Bilder», vom 24. bis 27. Mai 2017 in Ismaning bei München, blickt Gioia Falk im Gespräch auf unseren heutigen Umgang mit Bildern.

Was heißt Bild, um welche Bilder geht es? 

Wenn ich mit dem Wort «Bild» spiele, dann merke ich bald: es wird konkret. Das ist eine Haupteigenschaft. Allein schon Vorstellungsbilder «bilden» heißt: hervorbringen und ausgestalten; das Ungewisse wird klarer, wird abgeschlossen. Blitzschnell bilden wir fast ununterbrochen unsere Umgebung ab, «bilden» eigene Vorstellungen und verarbeiten diese Bilder. Sonst hätten wir überhaupt keine Orientierung. Wir sind so geübt, dass wir nicht daran denken. Wenn wir nicht dauernd unsere inneren, eigenen Bilder der Umgebung zur Verfügung hätten, würden wir keine Türe im Zimmer finden. Das gilt übrigens auch für Foto und Film. Wir können uns klar machen: wir müssen alles innerlich neu bilden, sonst existiert es für uns nicht. Allerdings sind das noch keine Kunstbilder oder Sinnbilder usw.

Der Architekt, indem er entwirft, macht sich ein Bild vom Gebäude. Er hat schon ein Bild, innerlich, und es wird für den Betrachter konkreter durch das Papier; das Bild wirkt dann. Wenn jemand «ausgebildet» ist, dann kennt er sein Fach und kann sich darin bewegen. Das gibt Sicherheit, er hat etwas konkret gelernt, ein Prozess kommt zum Ende; er hat einen «Abschluss». Das Konkret-werden kann auch einmal zu fest werden, wenn dauernd nur «festgestellt» wird, in der Pädagogik zum Beispiel, dann müssen wir in die andere Richtung. Schon ein Kunstmaler geht in die andere Richtung


Was ist die andere Richtung?

Das ist eigentlich, worum es geht. Was als Kraft in dem Bild steckt, und wie es zustande kommt. Dem äußeren Bild steht die Phantasie gegenüber, die lässt sich nicht so leicht einordnen. Phantasie, Kreativität, das sind heute gefragte Fähigkeiten – zum Glück! Denn vor lauter Vorstellungen-bilden-müssen und Aufnehmen von Fakten, wird der freie Umgang benachteiligt. Es hat sich weit herumgesprochen: Phantasie ist nicht nur Unsinn oder Durcheinander – es wurde oft abfällig gesagt: «ist ja bloß Phantasie». Wirklich Phantasie haben heißt aber lebendig sein und daraus Ideen haben können. Wir sehen das unmittelbar bei den Kindern. Ein Kind, was nicht spielen kann? Traurig!

Wir kombinieren und daraus entsteht was Neues, Frisches. Wir greifen innerlich in das Unbekannte aller Gedanken und Bilder. Ob wir da viel Brauchbares finden, zeigt, ob wir Phantasie haben. Stell dir vor, du willst jemandem deutlich zeigen, was du erlebt hast. Du fängst an zu gestikulieren, bist drin und die Phantasie würde dich verlassen. – Katastrophe! – Die Arme fallen herunter, du fühlst dich schwach, es bleibt eine nüchterne Bemerkung. Das wäre traurig.

Wenn die Phantasie aber da ist und immer stärker wird, dann sprudeln die Worte, regen sich die Arme und du bist in der Szene, die du gerade selbst erzeugst. Ob äußerlich oder innerlich: Wenn Phantasie positiv da ist, dann bewegen sich meine Bilder und ich bin dabei ganz frei. Ich greife und bekomme Ideen, die ich vielleicht selber nicht gedacht hätte. Wenn Phantasie sprudelt, ist das in der Regel heiter, nicht traurig. Aus dem Unbekannten, Unkonkreten wird etwas geboren.


Das wird beim Festival geübt?

Es wird thematisiert, aber nicht nur, jeder kann reichlich üben. – Es ist übrigens für Jedermann, nicht nur für Fachleute.

Wenn ich der bin, der selber bildet, ist meine Phantasie gefragt. Wenn wir Eurythmie sehen, ist das aber auch aussergewöhnlich phantasiehaltig, weil sie gerade darauf aus ist zu zeigen wie etwas entsteht. Das ist ihre Spezialität, sozusagen ihre Schöpfung. Dauernd. Wenn wir ein Wort bilden, ist bei jedem einzelnen Sprachlaut, den wir bewegen wollen, erst das da, was der Form vorangeht. Danach wird der Verlauf konkreter ausgestaltet. Wenn es gelingt, bekommt der Zuschauer das mit. 

Dann ist seine Phantasie nochmal gefragt, weil wir das Bild nicht stehen lassen. Der Zuschauer findet durch seine Kraft, worum es geht. Wenn ich «Fisch» bewege,  sie bewegt die Hände wechselnd in eine Richtung  bringe ich das Tier nicht äußerlich auf die Bühne. Der Zuschauer setzt fort, bildet das weiter aus, was ich andeute.

Für dieses Festival sind wir deshalb so weit gegangen, dass wir auch nicht immer verraten, worum es geht. In fast allen Darbietungen sind jeweils «stumme» Sequenzen. Das heißt: es ist still, man sieht nur Bewegung, Farbe, Dynamik auf der Bühne. Es ist nur «Bildung», «Entstehung». Für eine gewisse Zeit: kein Wort, keine Musik. 


Wie beurteilst du die «Reizüberflutung» in unserer Zivilisation?

Es hat sich in den letzten Jahren immer mehr bestätigt, dass es auf Dauer eine erhebliche Rolle spielt, wie man sich ernährt. Ob die Nahrung «voll» ist oder ob sie eigentlich «leer» ist. Stichwort: «Diabetes 2» oder «Zivilisationskost». Das «Zuviel» spielt eine Rolle, aber nicht nur. Mit der Nahrung nehmen wir etwas in uns hinein und es wird verarbeitet. Wie das genau geht, davon bekommen wir nicht viel mit, es ist sozusagen geheim. Wenn ich aber für mich ungeeignete Nahrung zu mir genommen habe, werde ich krank. Vielleicht weiss ich aber nicht, warum ich krank bin. 

Das Bewusstsein von dem, was ich seelisch zu mir nehme, ist heute gewachsen. Da ist es mit der Verarbeitung die Frage, ob die Bilder schwer verdaut werden können oder ob sie fördern und gesund machen. Man kennt heute die Gefahr der traumatisierten Kinder. Die schlimmen Schock-Bilder wirken. Aber es gilt ja auch sonst, dass es wirkt. Im Bezug auf die Wunder der Märchenbilder und Geschichten sind wir noch in weiten Kreisen wenig orientiert, obwohl diese seit Jahrhunderten gute Dienste leisten. Es muss vielleicht Vieles neu gefunden werden ...

Welche Bilder wir uns wählen aus dem großen Angebot, da können wir viel entscheiden und das prägt unser Leben und das der Kinder. Es ist sicher elementarisch gesehen ein großer Unterschied in dieser Art der «Ernährung», ob ich den Blick in die Natur schweifen lasse oder ob ich die selbe Landschaft auf dem Bildschirm sehe. Entsteht nicht auch hier – wie bei der unzureichenden Nahrung – vielleicht noch zusätzlich ein Mangel, dass ich mehr essen möchte, als ich verarbeiten kann? 

Reizüberflutung kann man auch ohne Bildschirm haben. in unserer Zeit kommt aber manches zusammen. Vieles geht schneller, man verbindet sich weniger. Das verträgt nicht Jeder. Vor hundert Jahren konnte man aber auch nicht einmal zwischendurch womöglich mit Familie die Tagung in München besuchen, – nicht alles war früher besser, wir haben viele Chancen!

Das Interview stammt aus den Mitteilungen der AGiD vom Mai 2017:
http://www.anthroposophische-gesellschaft.org/anthroposophische-gesellschaft/publikationen/monatliche-mitteilungen/