„Das Publikum geht mit ins Bild hinein“– Eurythmie-Festival begeht Neuland

Fragen an Gioia Falk, künstlerische Leiterin des Eurythmie-Festivals 2017, und Horst Krischer, Mitveranstalter des Festivals

Woher kam die Idee, ein Eurythmie-Festival zu veranstalten, und warum fiel die Wahl auf Ismaning?

Gioia Falk: Wir waren schon beim großen Faust-Festival 2014 in Ismaning dabei. Das war ein großartiges Unternehmen, allerdings stand dort natürlich das Schauspiel im Vordergrund. Die Veranstalter, d. h. die Gruppe „Waldorf-Projekte“, wollten nun einen anderen Schwerpunkt setzen, bevor es 2019 ein weiteres Faust-Festival geben wird. Man entschied sich für die Eurythmie. Wir, die beteiligten Eurythmisten, arbeiten bereits seit einigen Jahren an verschiedenen Projekten zusammen.

 

Horst Krischer: Diese großen Projekte werden vom Kollegium der Rudolf-Steiner-Schule Ismaning mitgetragen. Der Saal an unserer Schule mit der großen Bühne ist für das Eurythmie-Festival hervorragend geeignet. Das Märchenprojekt, an dem ja viele Schüler auf der Bühne mitwirken, wäre an keinem anderen Ort in der Umgebung durchführbar gewesen.

Gioia Falk: Da möchte ich ein großes Kompliment aussprechen. Das ganze Ambiente der Schule ist licht, freundlich, offen bis in die Küche. Ein großes Lob auch dafür, dass der Saal ein selbstverständliches Zentrum bildet.

Das Thema „Kraft der Bilder“ hat einen aktuellen Bezug zur pädagogischen Diskussion um die Nutzung von Medien. Wie lässt sich dieser thematische Schwerpunkt mit der Kunstform Eurythmie und speziell mit der Eurythmiepädagogik verbinden?

Gioia Falk: Seit Beginn der Planungen zum Festival hatten wir das Interesse, einen Beitrag zu einem aktuellen Thema zu leisten. Die allgegenwärtige Präsenz der Bilder ist schon länger auffällig. Die Idee war dann, technisch erzeugbare Bilder und selbst erzeugte Bilder gegenüberzustellen. In der Eurythmie geht es nicht darum, Bilder nachzuahmen, sondern es muss ein inneres Bild gefunden werden. Das ist natürlich sehr individuell – denken Sie z. B. an das Wort „Welle“, das in uns ein Bild erzeugt, das wir in eine ganz eigene Bewegung bringen können. Trotzdem wird es für den Anderen verstehbar sein. Wegen der Individualität des Ausdrucks sieht die Bild-Erschaffung je nach Gruppe anders aus, das ist abhängig von der Seele, die sich einbringt, sich gleichzeitig aber auch gemeinschaftsbildend artikuliert. Als Leiter geben wir den pädagogischen Raum als „Vorgabe“, in die das Kind dann einsteigen kann. Die individuell erzeugten und Gemeinschaft schaffenden Bilder arbeiten sich zu einer ganzen „Landschaft“ aus. Wenn wir heute Phantasie entwickeln wollen, ist es gut, die Voraussetzungen dafür zu kennen und zu üben. Denn die Phantasie kann uns auch genommen oder besetzt werden. Die kreative Einzelleistung ist vielseitig gefragt. Dabei ist es ermutigend, wenn nicht nur jeder seine Vorstellung hat, sondern wenn Bilder auch gemeinsam geschaffen und erlebt werden können.

Horst Krischer: Auch der Zuschauer wird zur eigenen Aktivität angeregt, denn er muss das, was er sieht, „lesen“ lernen. Dadurch erzeugt auch er selbst ein Eigenes, und das wird eine erfüllende Erfahrung. Das innere Bild gibt die äußere Form, nicht umgekehrt. Der Prozess verläuft also von innen nach außen. Das ist manchmal mühsam, aber es lohnt sich, wenn man es durchhält.

Gioia Falk: Wir werden mit der Umsetzung des Bilder-Themas in Eurythmie auch in anderer Hinsicht Neuland wagen, indem wir Räume schaffen, wo die Eurythmisten ins Bild gehen werden, ohne Musik und Text, nur stumme Bewegung. Fast jede Gruppe wird daher in der jeweiligen Aufführung einen Moment innehalten und auf diese Weise „ganz ins eigene Bild gehen“. Es ist wirklich ein Experiment, das so zu thematisieren.

Der Höhepunkt des Eurythmie-Festivals ist sicherlich das Märchenprojekt, das in Zusammenarbeit mit Kindern und Jugendlichen auch anderer Schulen stattfindet. Gab es besondere Momente in der Vorbereitung mit den Schülerinnen und Schülern?

Gioia Falk: Die Idee des Märchenprojekts, das wir mit Schülern machen wollten, stand ganz am Anfang der Planungen. Ich habe mich an das sibirische Märchen „Der Hirsch mit dem zwölfzackigen Geweih“ erinnert und es der Gruppe im November 2015 erstmals vorgestellt. Bei dieser Erzählung geht es um Bilder; die Hauptperson soll richtige Bilder von unrichtigen Bildern bzw. Trugbildern unterscheiden lernen – also genau unser Thema. Ab Ostern 2016 haben wir uns immer wieder getroffen, um weiter an dem Projekt zu arbeiten, und im Herbst wurden dann die Kinder einbezogen. Zu meiner Freude ist es besonders Horst Krischer gelungen, die Koordination zu den anderen Schulen gut vorzubereiten. Jetzt haben wir ein Format gefunden, das für uns einen richtigen „Schritt“ bedeutet, nämlich dass Erwachsene zusammen mit Kindern auftreten. Es ist tatsächlich ein neuartiger Versuch. Wir haben jetzt schon gemerkt, dass sich da einiges verändert: Die Kinder erfüllen hier einen Part, der optimal mit ihnen besetzt ist und nur durch sie besetzt werden kann. Die Erwachsenen geben einen Kern, der Ruhe ausstrahlt.

Horst Krischer: Besonders spannend war die erste große Probe im Januar 2017, als zwischen 130 und 140 Schüler im Saal waren. Die Kinder schauen sich gegenseitig zu, und auch die älteren nehmen die jüngeren wahr.

Gioia Falk: Ich war sehr gespannt, wie alles herauskommen würde, denn ich weiß vorher nicht, wie das ankommt, was ich anrege. Was ich dann aber in der Probe mit den Kindern sah, war oft einfach genial getroffen. Beeindruckt haben mich bei dieser Begegnung der Zauber der dritten Klasse und der totale Einsatz und die Präsenz der Mittelstufe. Die Grösseren können schon souveräner arbeiten. Die Schüler gehen so selbstverständlich in die Sache, dass wir als Erwachsene nur staunen können. Jede Altersstufe hat ihre Fähigkeiten, aber nicht nur. Es gibt sogar oft eine Überlegenheit gegenüber den erwachsenen, geübten Künstlern. Es blüht als Fähigkeit auf, ist für eine Zeit da und verschwindet dann wieder. Diese natürliche, geschenkte Fähigkeit kommt zusammen mit den bewusst erarbeiteten Bewegungen der Erwachsenen – eine schöne Herausforderung für alle.

Wie kam es zu der Ausweitung dieser ersten Ideen zu einem großen Festival, bei dem auch viele Nicht-Eurythmisten mitwirken?

Gioia Falk: Bereits vor dem Faust-Festival hatte die Gruppe den Impuls gespürt, nach außen zu treten, eine Geste zu zeigen, die eigene Arbeit zu öffnen. „Lasst uns mit der Kunst heraustreten!“ Das war unser Anstoß zum Austausch, zur Offenheit. Wir haben die Vielzahl an Möglichkeiten gesehen, die sich uns bei diesem Eurythmie-Festival in Ismaning bieten. Die Kunst wird reicher durch mehr Facetten. Wir wollten eine „Kulturinsel“ schaffen, enger rücken, komprimieren. Fachleute, die nicht aus der Eurythmie kommen, sollten in Vorträgen über Eurythmie sprechen. Besonders froh sind wir, dass uns keine der angefragten Persönlichkeiten eine Absage erteilt hat. Für sie ist das ebenfalls neu, denn sie hatten selbst noch keine Auftritte in einem solchen Rahmen. Das ist großartig für die Sichtbarkeit der Eurythmie. Auch die Schülerinnen und Schüler nehmen wahr, dass sie eine „vollgültige“ Kunst ausüben.

Horst Krischer: Dazu kommt, dass man selten eine professionelle Gruppe sehen kann. Die weltweit einzigen Ensembles, die aus professionellen Eurythmisten bestehen, werden bei unserem Festival auftreten. Das ist eine einzigartige Gelegenheit und kann eine tolle Erfahrung sein.

Was sollte man als Zuschauerin und Zuschauer, die/der vielleicht zum ersten Mal eine größere Eurythmie-Aufführung erlebt, mitbringen? Haben Sie bestimmte Erwartungen an das Publikum des Festivals?

Gioia Falk: Bei meinen vielen Reisen durch fast alle Kontinente und durch die damit verbundenen Erfahrungen habe ich festgestellt, dass diejenigen, die zum ersten Mal Eurythmie gesehen haben, die interessantesten Fragen hatten. Das zeigt den direkten Zugang. Es gibt keine nicht-informierten Menschen, die das nicht verstehen, was die Kunst darbietet. Sehgewohnheiten sind ein Habitus, der sich erst später ausbildet; da können Standard-Erwartungen entstehen.

Horst Krischer: Wir haben nur den Wunsch nach Menschen mit Offenheit und Neugier, die versuchen, die „Türen aufzumachen“. Wer einen wie auch immer gearteten künstlerischen Zugang hat, wird leicht die Möglichkeit zum „Andocken“ finden.

Interview: S. Hoffmann-Cumani und Ch. Kaiser